Plötzensee Prosa

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Foto Ewelina Jaworska im Februar 2024
Foto Ewelina Jaworska, Plötzensee Februar 2024

Michael Meinicke

Ein Tag im August

Plötzensee Februar 2024
Foto Ewelina Jaworska, Plötzensee Februar 2024

Sommerliche Hitze. Vom nahen Badesee klingt Kinderlachen herüber. Ich begebe mich auf den Weg zum deutschen Haus. Links und rechts gesäumt von Bäumen und Buschwerk. Das Grün ist besonders dicht und kräftig. Sehr gut gedüngt sind diese Pflanzen. Ich laufe auf eine pompöse Mauer aus Naturstein zu. Eine eindrucksvolle Kulisse für Politiker. Hier halten sie Reden. Hier steht schwarz über ihren Köpfen: DEN OPFERN. Ein schmaler Pfad führt um dieses Bauwerk. Versteckt dahinter befindet sich das deutsche Haus. Auf den ersten Blick ein Pissoir. Eine Hütte. Die Wände roh gemauert. Backstein von seltsamer Art. Durchsetzt von Löchern. Vollgesogene, aufgeschichtete Schwämme. An der einen Seite befinden sich zwei hölzerne, verschlossene Tore. Emaillierte Schilder mit EINS und ZWEI darüber. Abgesägte, verrostete Stahlträger eines ehemaligen Vordaches ragen aus den Fugen. Fenster in uralten Eisenrahmen. An der anderen Seite zwei Öffnungen, die in Schwärze führen. Hinein in den Hinrichtungsschuppen des Strafgefängnisses Plötzensee. Von 1933 bis 1945 gingen durch diese Löcher über zweitausendfünfhundert Menschen ins Nichts.

Im ersten Raum sind schwach beleuchtete Texttafeln an die Wände gehängt worden. Dieselben Texte sind in bereitliegenden Broschüren zu lesen. In der Ecke ein Wandschrank, aus dem touristische Abfälle quellen.

Menschen, die ermordet werden sollten, wurden zuerst hier hineingeführt. Die Hände schon seit Tagen gefesselt. Mehrere Männer standen hinter einem Tisch. Funktionsträger: Der Vorsteher des Totenhauses Appelt, Staatsanwalt Stoltz, der Richter Manfred Roeder, Professor Stieve vom Anatomisch-Biologischen Institut der Friedrich-Wilhelm-Universität und mit gedruckter Einladungskarte in der Tasche Kommissar Strübing.

Foto Ewelina Jaworska im Februar 2024
Foto Ewelina Jaworska, Plötzensee Februar 2024

Liane Berkowitz wurde gebracht. Sehr klein und zierlich. Neunzehn Jahre alt. Im Mai 1942 hatte sie eines Nachts Flugblätter auf dem Ku'damm geklebt. Gegen die Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies". Am 26. September 1942 wurde sie morgens um sechs Uhr verhaftet. Sie lebte bei ihrer Mutter. Sie erwartete ein Kind. Im April 1943 wurde ihre Tochter Irene im Frauengefängnis geboren. Vier Monate später "verstarb" das Kind im Krankenhaus der SS in Eberswalde. Diese Nachricht wurde der Mutter noch übermittelt.

Der Staatsanwalt sagte: "Scharfrichter, walten sie ihres Amtes!" Zwei kräftige Helfer packten die junge Frau und warfen sie unter das Fallbeil. Der Henker Roettker drückte auf den Knopf.

19 Uhr und 45 Minuten am 5. August 1943. Liane war die letzte von 13 Frauen, die seit 19 Uhr ermordet wurden. Roettker hatte dabei seine Zigarette nicht aus dem Mund genommen. Pro Kopf erhielt er 80 Reichsmark Prämie. Nun begann Professor Stieve mit seiner Auswahl. Hart hatte er in den vergangenen Wochen verhandelt. Seit Kurzem wurde nur noch abends gemordet. Eventuell störende Luftangriffe waren um diese Zeit seltener. Der Professor wollte aber den Anteil für seine Anatomie-Studenten rechtzeitig bekommen. Wenigstens die letzte Straßenbahn sollten sie nach dem Unterricht noch erreichen. Stieve zeigte selektierend auf die offenen Kisten. Die Frauen wurden ausschließlich gynäkologisch seziert. Die zerschnittenen Leichen wurden als Abfall beseitigt.

Kommissar Strübing hatte für Lianes Vernehmungen 5.000 Reichsmark Prämie erhalten. 1967 verstarb er, geehrt als Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes. 1951 wurde Roeder angeklagt. Das demokratische Gericht der Bundesrepublik verurteilte nicht ihn. Es sprach gegen die anklagenden Angehörigen der Ermordeten Geldstrafen wegen Verleumdung aus. Roeder lebte rehabilitiert im Kreise der Familie in seiner Villa.

Der zweite Raum des Hinrichtungsschuppens enthält nicht einmal Texte an den Wänden. Ein dicker Berliner hat seinen spanischen Freund hergeführt. Er schimpft:

"Wieso ist das Waschbecken abmontiert? Nur die gelben Kacheln dahinter sind geblieben. Wo sind die Holzstufen zum Galgen? Weshalb fehlen am Doppel T-Träger drei der ehemals acht Haken? Wo ist das Fallbeil geblieben?"

Wir stehen in leerem Raum. Die Erinnerung soll schwinden.

Foto Ewelina Jaworska im Februar 2024
Foto Ewelina Jaworska, Plötzensee Februar 2024

Der spanische Besucher geht hinaus. Unter Tannen ein idyllisches Häuschen. Der uniformierte Wächter öffnet. "Haben Sie die Gedenkbroschüre auf Spanisch?"

"Nee! Jibs nich'!"

"Französisch ginge auch."

"Französisch is' aus!"

Der Wächter schließt die Tür. Mit seinem guten deutschen Schäferhund geht er um die Ecke. Tischzeit. Mahlzeit. Über sechs Meter hohe Mauern weht der Geruch von Sauerkraut und Bauchfleisch. Plötzensee ist heute ein riesiges Knastgelände für Jugendliche. Für Frauen. Bei der Einweihung erwähnten die Politiker mit Stolz die Mutter-und-Kind-Zellen.

Das Blut der bestialisch Gemordeten haben die Steine aufgesogen. Es lief in die Abwasserkanäle. Es düngte die Bäume und Pflanzen. Es klebt am Geld der damals Beteiligten. Überall in Deutschland lebten sie. Bauten den Nachkommen Häuser. Von Flensburg bis Freiburg quillt dickes Rot aus den Wänden...

Ergänzung aus einem anderem Text des Autors:

Das Fallbeil im Hinrichtungsschuppen Plötzensee war hinter einem schwarzen Vorhang verborgen. Dieser war mit Metallringen an einer eisernen Stange befestigt. Um das Entsetzen der Verurteilten zu erhöhen, wurde der Vorhang mit einem Ruck aufgerissen und der Blick auf das von einer nackten Glühlampe grell beleuchtete Mordinstrument schlagartig freigegeben. Das Rasseln der Ringe erfolgte bei Hochbetrieb alle drei Minuten.

2001


Kommentar des Autors im Februar 2024: Ich habe meine Texte bisher in allen Ländern rund um Deutschland gelesen. Aber auch in den USA, in Irland usw. Nur Polen fehlt mir. Da hätte ich viel zu sagen, z.B. in meinem Roman OSTKREUZ, teilweise deckungsgleich mit Andrzej Stasiuk. Es war mein Lebensziel, in alle Länder mit einem Buch "einzumarschieren", wo mein Vater mit der Waffe war.


Kommentar der Chefredakteurin im Februar 2024: Liane Berkowitz war keine Polin, daher kann man meinen, der Text passt nicht hierhin. Polkopedia ist eine Enzyklopädie der Polinnen im Ausland. Aber wir haben schon hier über viele Polinnen berichtet, die in Plötzensee hingerichtet wurden, die Zahl ist unklar, sicher waren sie mehr als 40. Nicht allen ist schon in der Polkopedia gedacht, aber immer wieder kommen die neuen Beiträge. So viele, dass vielleicht eine oder andere Leser:in wird auch gern so eine Beschreibung lesen. Weitere Texte des Autors werden bei ewamaria.blog veröffentlicht und hier verlinkt.

Foto Ewelina Jaworska, Plötzensee Februar 2024
Foto Ewelina Jaworska, Plötzensee Februar 2024

Ist jemand an Kontakt mit dem Autor interessiert, um ihn z.B. zu einer Lesung nach Polen einzuladen, was er sich ausdrücklich gewünscht hätte, bitte schreibt mich an: ewaslaska@gmx.de