Olga Kamińska-Prokop (DE)

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Projekt "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee"[edytuj | edytuj kod]

Beschreibung des Projekts

Beschreibung des Workshops

Autor: Michael Müller

Olga Prokop

Geboren am 22. Juli 1922 in Polen, hingerichtet am 9. März 1943 in Plötzensee.


Warum ist Olga Prokop, eine junge Frau von nicht einmal 21 Jahren, im März 1943 in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet worden? Zu ihrer Geschichte gibt es viele leicht zugängliche Informationen, meist aber nur solche aus zweiter Hand – abgesehen von ihrer Sterbeurkunde, ausgestellt vom Standesamt Berlin-Charlottenburg, das für die in Plötzensee Ermordeten zuständig war. Daten aus der Sterbeurkunde:

Olga Maria Prokop, geborene Kaminska, am 22. Juli 1922 in Dzwiants [?] geboren, Anschrift: Kattowitz, Schillerstr. 19, verheiratet mit Jan Prokop. „Am 9. März 1943 um 19.06 Uhr in Berlin-Charlottenburg, Königsdamm 7, verstorben… Todesursache: Enthauptung“.

Der Name des Geburtsorts ist in der Urkunde verunstaltet; geboren wurde sie in Brody, Wojewodschaft Tarnopol (heute Ukraine). Die genannte Kattowitzer Adresse war die der Eltern, des Anwalts Eugeniusz Kamiński und seiner Frau Irena; bald nach Olgas Geburt waren sie dorthin umgezogen.

Bildnis von Olga Kamińska-Prokop gefertigt bei Anna Krenz
Bildnis von Olga Kamińska-Prokop gefertigt bei Anna Krenz während des Projekts "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Strafgefängnis Plötzensee", Febr 2024

Zu einer Heldin des Widerstands und gefährlichen Gegnerin des Nazireichs sollte Olga Prokop durch ihre Verwicklung in eine spektakuläre Aktion des polnischen Widerstands werden – die Operation „Dorsche“. Aber ihre persönliche Geschichte der Widerständigkeit begann schon früher. Als aktive Pfadfinderin in ihrer Gruppe am Kattowitzer Gymnasium beteiligte sie sich an dem verzweifelten Versuch polnischer Pfadfinder, sich dem Überfall der Wehrmacht auf die Stadt am 1. September 1939 entgegenzustellen. Danach in der Stadt zu bleiben, war gefährlich, und so schloss Olga sich einer Pfadfindergruppe an, die sich im Oktober über die „grüne Grenze“ nach Ungarn absetzte, um sich dort zum Widerstand gegen die Deutschen zu formieren.

In Ungarn dann ein merkwürdiger Schwebezustand: In der westungarischen Kleinstadt Somlószőlős konnten die polnischen Flüchtlinge, obwohl offiziell feindliche Ausländer, sich zeitweise niederlassen, ihre Pfadfinderstrukturen organisieren und Kontakte zum besetzen Polen herstellen; Olga konnte im örtlichen Gymnasium ihr Abitur ablegen. In Somlószőlős lernte sie auch den polnischen Pfadfinderführer Jan Prokop kennen und heiratete ihn. Zusammen planten sie dann 1941, sich irgendwie in die Türkei und von dort aus nach Westen durchzuschlagen – via Jugoslawien, wo polnische Freiwilligenverbände gegen die Deutschen gebildet werden sollten. Auf dem Weg nach Jugoslawien trennten sich ihre Wege aber, für immer. Olga, inzwischen hochschwanger, musste im (inzwischen auch von den Deutschen besetzten Belgrad) vorerst zurückbleiben. Hier wurde sie Teil der Operation „Dorsche“.

Die Operation war das Werk eines großen Netzwerks von polnischen Widerständlern, meist Angehörige der Polnischen Untergrundarmee (Armia Krajowa - AK), und zielte darauf, britischen Kriegsgefangenen, die seit 1940 auch in Gefangenenlagern im besetzten Polen festgehalten wurden, zur Flucht zu verhelfen. So befreiten die Widerständler im Mai 1941 drei britische Offiziere aus der Festungshaft in Posen (Poznań), versorgten sie mit falschen Papieren, bereiteten einen komplizierten Fluchtplan vor und geleiteten sie, die als Illegale und Fremde hilflosen „Dorsche“, auf ihrem gesamten Weg. Mit Unterstützung vieler polnischer Helfer wurden sie im Juni 1941 nach Łódź (Lodz) und dann über die Grenze des „Generalgouvernements“ nach Warschau geschleust. Für zwei der drei Briten ging es im August weiter über die Slowakei nach Ungarn; im November erreichten sie und ihre polnischen Beschützer Belgrad. Dort „übernahm“ sie Olga Prokop. Sie erklärte sich bereit, selbst mit den „Dorschen“ weiter zu ziehen, über Serbien und Bulgarien in die Türkei. Schon nach zwei Tagen aber geriet die kleine Gruppe nahe der serbisch-bulgarischen Grenze in die Fänge einer Patrouille deutscher und bulgarischer Besatzungssoldaten, die die Papiere der Flüchtigen als Fälschungen erkannte. Das war das Ende.

Olga Prokop wurde in ein deutsches Gefängnis in Belgrad gebracht, wo im Februar 1942 ihr Sohn Marek zur Welt kam. Nach der Überführung in einer Wiener Gefängnis wurde die Mutter von ihrem Sohn getrennt; sie sah ihn nicht wieder. Der Prozess wurde Olga endlich durch das „Reichskriegsgericht“ gemacht; es verurteilte sie im Dezember 1942 wegen „Feindbegünstigung“ zum Tode. Das Gesuch, sie in Anbetracht ihres jugendlichen Alters und ihrer Mutterschaft zu begnadigen, lehnte Adolf Hitler ab. Die Hinrichtung in Berlin am 9. März 1943 erfolgte mit dem Fallbeil.

Dramatis personae:

Die britischen Offiziere (sowohl die beiden mit Olga Prokop gefassten als auch der in Warschau zurückgebliebene) wurden letztlich in das „Offizierslager“ (Oflag) im sächsischen Colditz gebracht. Vorher gaben sie bei Verhören durch die Gestapo die ihnen bekannten Namen der polnischen Widerstandskämpfer preis, die ihnen im Rahmen der Operation „Dorsche“ geholfen hatten. Zwei der Offiziere flüchteten aus dem Lager Colditz; der eine wurde bei der Flucht erschossen, der andere fiel nach erfolgreicher Flucht 1944 in Frankreich. Der dritte Offizier wurde von amerikanischen Truppen bei Kriegsende aus dem Lager befreit und kehrte nach England zurück.

Von den Frauen und Männern des polnischen Widerstands, die den britischen Offizieren zur Flucht verholfen und sie über Monate versorgt, beschützt und begleitet hatten, wurden außer Olga Prokop noch viele weitere Opfer der deutschen Vergeltung. In Posen verurteilte ein „Sondergericht“ der Besatzer im Juli 1942 sieben Beteiligte, darunter drei Frauen, zum Tode. Weitere wurden in Łódź ermordet.

Olgas Mann Jan Prokop gelang die Flucht über Jugoslawien. Er schloss sich noch 1941 der Samodzielna Brygada Strzelców Karpackich (Polish Independent Brigade Group) im Rahmen der alliierten Verbände an und kämpfte als Offizier für diese, u.a. in Nordafrika. Nach Kriegsende blieb er in England. Dort spielte er eine zentrale Rolle beim Aufbau des exil-polnischen Pfadfinderbunds ZHP. Er starb 1968 in London.

Die Richter des „Reichskriegsgerichts“, das das Todesurteil gegen Olga Prokop fällte, blieben nach 1945 unbehelligt – obgleich deren Unrechtsurteile später wegen „Verstoß gegen elementare Gedanken der Gerechtigkeit“ aufgehoben werden sollten. Die meisten übten das Richteramt in der BRD weiter aus. Der von 1939 bis 1944 amtierende Gerichtspräsident, Admiral Max Bastian, wurde zwar 1947 wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen inhaftiert und verbrachte knapp ein Jahr in der für Kriegsverbrecher vorgesehenen Haftanstalt der französischen Besatzungszone in Wittlich (Rheinland-Pfalz). Es wurde jedoch kein Strafverfahren gegen ihn eröffnet. Er starb 1958 in Wilhelmshafen als freier Mann.

Link

Olga Kamińska-Prokop - wersja po polsku

Förderung

Beitrag gefertigt vor, während und nach dem Workshop "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee" am 20.01.2024

Das Projekt ist gefördert von der Stiftung EVZ (Erinnerung Verantwortung Zukunft).

www.stiftung-evz.de

Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen trägt Polkopedia die Verantwortung.