Maria Wieczorek (DE)
Projekt "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee"
Autorin: Johanna Rubinroth
Das Leben und der Tod im Archiv
Geboren am 4. August 1886. Hingerichtet am 22. September 1944 in Berlin-Plötzensee.
Geboren im vorletzten Jahrhundert - am 4. August 1886.
Eines Tages: VERHAFTUNG.ZUCHTHAUS. Einzelhaft! Ein Ausrufezeichen hinter dem Wort Einzelhaft.
Straftat: HEIMTÜCKE. Nicht näher ausgeführt.
Am 21.8.44 - zum Tode verurteilt. TODESSTRAFE. Nicht näher ausgeführt.
Am 22. August 1944 ist die wegen Heimtücke zum Tode verurteilte Gefangene Maria Wieczorek in Gefängnis Plötzensee eingeliefert worden.
Verblichene Briefe an das Ernährungsamt, wie viele Fettkarten, wie viele Brotkarten.
Transporte von da nach hier. Bis schließlich der letzte Transport. Von wo kam sie, als sie verhaftet wurde? Wohin ging sie, wo sie nie ankam?
Lief sie in einen Hinterhalt? War es ein dummer Zufall, der sie sterben ließ? Vielleicht war sie müde. Sie ahnte nicht, dass der Krieg nur noch ein Jahr dauern sollte, sie ahnte nicht.
Wir wissen nichts. Von der Archivakte wissen wir soviel und doch wissen wir nichts.
Wir wissen: sie wurde guillotiniert. Was war ihr Statement? Für wen, für was hat sie ihr Leben riskiert? Für einen Menschen? Für die Idee der Gerechtigkeit? Einfach nur, weil sie gegen das Unrecht war?
Sie füllte einen Fragebogen aus. Ob sie besonders starke Leidenschaften hatte? Zigaretten, Glücksspiel, Sex oder Alkohol?
Was gedenken Sie nach der Entlassung zu tun? Unleserlich.
Frappierend: Die Genauigkeit, mit der das Unrecht protokolliert wird. Sie hinterließ einen Unterrock, einen BH, eine Einkaufstasche, vielleicht ein Falls-Beutel, wie wir ihn manchmal mit uns nehmen? Ein kleiner Kamm mit Hülle.
Von ihrem verbliebenen Geld wurden die Gerichtskosten bezahlt. Die schriftliche Mitteilung ist versehentlich noch nicht mitgesandt worden. Das Urteil ist aber nach mündlicher Angabe des Transporteurs rechtskräftig.
LEBENSLAUF des Strafgefangenen. Um 5.04 im August war der Transport. August fünf Uhr morgens. Nur ein Wort.
Gefangenenkarte von Maria Wieczorek Landesarchiv Berlin A Rep 369.
Von Beruf: Ehefrau, keine Kinder, wohnte Goldschmieden bei Breslau, keine Anträge, keine Beschwerden… früher Schneiderin, zuletzt Siedlerin.
An den Herrn Vorstand des Strafgefängnisses BERLIN - PLÖTZENSEE...
Seelsorgerische Betreuung der zum Tode Verurteilten durch Herrn Pfarrer Buchholz.
Anfrage: 30. November 1944 , die Regierungsrätin Dr. Pfahl schreibt: Maria W. hat vor ihrem Tode den Wunsch geäussert, dass die Sachen an ihre Schwägerin Martha Wieczorek ausgehändigt werden. Es wird um Entscheiung gebeten, ob gegen die Aushädigung Bedenken bestehen.
Antwort: Reichanwaltschaft, Berlin 7.12.44 in der Bellevuestrasse: … teile ich mit, dass keine Bedenken gegen Aushändigung der hinterlassenen Sachen bestehen.
Sie war 58 Jahre alt.
Grabrede mit 80-jähriger Verspätung
Liebe Trauergäste,
heute, mit 80 Jahren Verspätung, möchte ich Dich verabschieden, liebe Maria Wieczorek, vielleicht hat man Dich Marysia genannt, und die Rede für Dich halten, die nie gehalten worden ist. Es ist für mich und für uns immer noch unfassbar, was Dir angetan worden ist. Um fünf Uhr vier, eines Morgengrauens im August, ja, so genau wurde es protokolliert, fünf Uhr und vier Minuten, wurdest du in den Transporter geladen, der Dich in den Tod gefahren hat.
Ich weiss, Dir würde das schwarze Kleid gefallen, dass ich heute Dir zu Ehren angezogen habe. Denn Du warst Schneiderin. Deine Finger nähten vielleicht Negligés, vielleicht Uniformen, vielleicht auch Kleider für die Taufe und die Kommunion. Wahrscheinlich hattest Du einen Blick für Schnitte, für Stoffe, für Eleganz.
Du hast zwei Kriege erlebt. Den ersten hast Du überlebt - der zweite hat Dich exekutiert. Weisst Du, dass Du ein Jahr vor Kriegsende unter die Guillotine kamst? Fünf Jahre lang hast Du diesen Krieg ausgehalten und ertragen, vielleicht mit Hoffnung, vielleicht mit Humor, vielleicht in stiller Verzweiflung - und dann, ein Jahr vor seinem Ende, hat das scharfe Beil der Guillotine deinem Leben ein Ende gesetzt. Du musst gefährlich gewesen sein, denn Du wurdest in Einzelhaft gehalten. Ein Wort hat Dein Schicksal besiegelt: HEIMTÜCKE. Das war dein Todesurteil.
Dabei warst Du garantiert das Gegenteil von heimtückisch. Vielleicht warst Du mutig, vielleicht warst Du einfach nur unvorsichtig. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Diejenigen, die über Dich gerichtet haben, hatten nicht das Recht dazu! Indem Du gegen sie warst, warst Du auf der richtigen Seite.
So genau wurde protokolliert, wieviele Brotkarten, wieviele Fettkarten Du hinterlassen hast, Deine intimisten Dinge wurden minitiös festgehalten: drei Schlüssel, Dein BH und Dein Unterrock. Was fehlte, war Dein Vollstreckungs-Urteil. Der Fahrer des Transporterst von fünf Uhr vier, gab mündlich Bescheid, dass Du ermordet werden sollst. Für das Fehlen des Papiers entschuldigt man sich. Nein, nicht bei Dir - bei den Vollstreckern, für die mangelhaft ausgeführte Bürokratie.
Was für eine Perversion, was für eine verkehrte Welt. Auch wenn wir Dich nicht kannten - Dein Verlust verletzt uns zutiefst - er verhöhnt unseren moralischen Kompass, alles Wissen von Recht und Unrecht, von Richtig und Falsch. Und auch wenn wir Dich nicht kannten, die Erinnerung an Dich soll für immer in unseren Herzen bleiben.
Wir können Dich nicht rächen, nicht wieder lebendig machen, aber eins können wir: Dir versprechen, liebe Marysia, dass wir alles dafür tun, dass sowas nie wieder geschehen wird!
KAMPF _ DEM _ FASCHISMUS
Gedicht von Ela Kargol
Sterbeurkunde Maria Wieczorek
geboren: 4. VIII. 1886 in Radzionkau/Kreis Tarnowitz (Radzionków/Tarnowskie Góry)
enthauptet: 22. IX. 1944 in Berlin - Plötzensee
Ich packe meinen Koffer*
Der Koffer war klein.
Das Kleid schlicht und fein.
Ein Unterrock für alle Fälle,
Damit das Kleid in Form bleibt
An richtiger Stelle.
Der Büstenhalter
Sorgte für schönen Busen,
Der Kamm für die Frisur.
Alles durchdacht und gepackt
Für die letzte Himmelstour.
Unterjäckchen für die kalten Nächte.
Eine Hose, ein Hemd, ein Heft,
Handtasche, ein paar Groschen und Einkaufsbeutel.
Sie ging doch unter die Leute.
Den Mantel trug sie auf dem Arm
Als sie losging, es war noch warm.
Die Kälte kam zu ihr viel später.
Und mit der Kälte kam der Täter.
Und ihre Reise ging zu Ende.
Im fremden Ort mit kühlen Wänden.
Mit auf dem Rücken gefesselten Händen
Legte sie sich sanft für den Schlaf.
Er kam zu schnell, sie war noch wach.
Heimtückisch wurde sie bestraft.
* ein sehr populäres und beliebtes Spiel für die Kinder, nicht nur in Deutschland
Strasse und Haus (Ela Kargol)
Maria wohnte in Goldschmieden in der Schmiedeberger Str.; es war seit 1921 ein Vorort von Breslau, hieß Goldschmieden-Neukrich und wurde als Garten-Siedlung entworfen und errichtet von Ernst May. Jetzt ist es Wrocław-Złotniki, die Straße heißt Rajska und die Siedlung steht unter dem Denkmalschutz.
Links
https://www.instagram.com/p/C0w1lh9IRXy/
https://www.facebook.com/reel/328917793372320
Förderung[edytuj | edytuj kod]
Beitrag gefertigt vor, während und nach dem Workshop "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee" am 2.12.2023
Das Projekt ist gefördert von der Stiftung EVZ (Erinnerung Verantwortung Zukunft).
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen trägt Polkopedia die Verantwortung.