Anna Maria Warszawska (DE)

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Marie Anna Warszawski, geb. am 18. August 1907 in Krone-Abbau/Bromberg (Koronowo/Bydgoszcz), hingerichtet am 1. April 1943 in Plötzensee

Autorin: Katharina Anetzberger

Projekt: "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee"

Beschreibung des Projekts

Beschreibung des Workshops

Maria Anna Warszawska, Bild von Anna Krenz; Februar 2024
Maria Anna Warszawska, Bild von Anna Krenz; Februar 2024

Das Leben, der Tod, ein Stückchen Brot

Marie Anna Warszawski

Nur 35 Jahre durfte Marie Anna Warszawski alt werden. Sie wurde von den Nazis ermordet, weil sie zwei Hungernden Milchsuppe und Brot zu essen gab – und damit ihre „Deutschfeindlichkeit“ bewies.

Marie Anna und ihre Brüder Josef und Boleslaus hatten zwei aus einem Arbeitslager geflohenen sowjetischen Soldaten auf ihrem Hof in Krone-Abbau/Bromberg Unterschlupf und Essen gegeben. Vom 16. auf den 17. Juni 1942 ließen sie die Männer in ihrer Scheune schlafen. Am nächsten Vormittag kamen deutsche Polizeibeamte, um nach den entflohenen Gefangenen zu suchen. Die Geschwister bestritten, dass die Soldaten zu ihnen auf den Hof gekommen seien. Zunächst fuhren die Polizisten ab, tauchten aber wenig später wieder auf. Die Warszawskis galten laut einem Polizeibericht als „fanatische Polen“, die sich „stets über Anordnungen der deutschen Behörden hinwegsetzen“. Die deutsche Polizei fand die Soldaten, Pawel Asarow und Alexander Schilow, schließlich in ihrem Versteck im Heu. Die Geschwister Warszawski wurden verhaftet und für ihr „Verbrechen“ zum Tode verurteilt. Alle drei wurden am 1. April 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Ein Theaterstück

Schauplatz:

Krone-Abbau/Bromberg (Koronowo/Bydgoszcz), besetztes Polen

Auftretende Personen:

Stückchen Brot, Bild von Anna Krenz; Januar 2024
Stückchen Brot, Bild von Anna Krenz; Januar 2024

Marie Anna Warszawski (Maria Anna Warszawska) – Landarbeiterin, Schwester, Tochter, Angeklagte, Polin, Feindin der Deutschen, barmherzige Helferin und ausgezeichnete Köchin, zum Tode Verurteilte

Boleslaus Warszawski (Bolesław Warszawski) – Landarbeiter, Bruder, Sohn, Angeklagter, Pole, Feind der Deutschen, ausgezeichneter Lügner (wenn es wichtig ist) und loyaler Gastgeber, zum Tode Verurteilter

Josef Warszawski (Józef Warszawski) – Landwirt, Bruder, Sohn, Angeklagter, Feind der Deutschen, exzellenter Zigarettendreher und Feuerschutzbeauftragter, zum Tode Verurteilter

Marie Warszawski (Maria Warszawska) – Landwirtin im Ruhestand, Mutter in Sorge, das Mädchenname Jasiak, Langschläferin, Mutter dreier toter Kinder

Wladislaus Warszawski (Władysław Warszawski) – Landwirt im Ruhestand, Ehemann, kranker Vater dreier toter Kinder

Anna Jasiak – Schwester einer Freigesprochenen und Tante dreier Toten

Hauschke – Meister der Schutzpolizei, Zeuge, pflichtbewusster Deutscher

Czylwik – Kriminaloberassistent, Zeuge, beflissener Diensthabender

Pawel Asarow und Alexander Schilow – sowjetische Kriegsgefangene auf der Flucht 16. Juni 1942:

16. Juni 1942:

Auf dem Hof der Familie Warszawski geht es geschäftig zu, wie es um diese Jahreszeit üblich ist. Die Mutter, Marie, bricht frühmorgens in die nahegelegene Stadt auf, um die Medizin für den Vater zu besorgen. Er wurde verwundet, als die Nazis Polen überfielen und ist seither nicht mehr der Alte.

Es sieht nach Regen aus, weshalb Josef und sein Bruder Boleslaus schnell noch das restliche Heu heimfahren wollen. Ihre Schwester Marie Anna kümmert sich in der Zwischenzeit um den kranken Vater, der in seiner Stube im Bett liegt. Plötzlich sehen sie durch das Fenster, wie Josef und zwei andere, fremde Männer eilig über den Hof auf das Haus zulaufen. Marie Anna tritt rasch vor die Tür.

Marie Anna: Was ist los? Ist etwas passiert?

Josef: Erkläre ich dir gleich. Lass uns nur erst schnell nach drinnen gehen. Am besten in die Küche, wir wollen Vater nicht belästigen. Er ist doch in seiner Stube?

Marie Anna nickt. Sie gehen alle in die Küche.

Josef: Du hast doch sicher von den sowjetischen Kriegsgefangenen gehört, die vor ein paar Tagen entkommen sind? Nun, hier sind sie. Das sind Pawel und Alexander. Schwester, sei so gut, deck den Tisch für sie mit.

Marie Anna: Ich habe gerade die Milchsuppe auf den Herd gestellt und Tante Anna hat gestern Brot gebacken. Niemand bäckt besseres Brot als sie, ihr werdet gleich sehen!

Sie tritt an den Herd und gießt etwas Wasser in die Milchsuppe, damit sie für alle reicht. Während sie das Brot schneidet, legt sie die Scheiben, die am wenigsten harte Körnerschalen haben, für die Gäste zur Seite.

Boleslaus tritt in die Küche.

Boleslaus: Oh, wir haben Gäste?

Josef: Ich darf dir Pawel und Alexander vorstellen. Sie sind aus dem Arbeitslager geflohen.

Boleslaus: Es freut mich, euch kennenzulernen.

Die Geschwister, Pawel und Alexander sitzen um den Tisch.

Josef: Ist Mutter schon zuhause?

Marie Anna: Ja, sie ist schon nach oben gegangen zu Vater und Tante Anna. Sie fühlt sich nicht so wohl nach dem langen Marsch in die Stadt und vom Regen ist sie völlig durchnässt. Ich habe ihnen Suppe nach oben gebracht.

An Pawel und Alexander gerichtet: Ist wahrscheinlich auch besser, wenn sie euch nicht sieht. Nichts gegen euch, aber je weniger Menschen Bescheid wissen, umso besser.

Nach dem Essen bringt Boleslaus Pawel und Alexander zur Scheune, wo sie übernachten können. Auf dem Weg dorthin treffen sie Josef, der gerade nach den Kühen gesehen hat und sich nun auf dem Hof eine Zigarette dreht.

Josef: Bestimmt habt ihr lange keinen Tabak mehr gesehen. Hier, nehmt euch von meinem.

Er will weitergehen, dreht sich aber noch einmal um und ruft: Aber raucht mir ja nicht in der Scheune! Sonst zündet ihr euren eigenen Scheiterhaufen an. So ein Feuer wäre bis in die Stadt zu sehen und würde sicher die Polizei auf den Plan rufen.

17. Juni 1942:

Marie Anna steht in der Küche und bereitet das Frühstück zu. Sie war bereits im Stall, um die Kühe zu melken. Es duftet nach Kaffee; in der Kanne, die sie auf den Tisch stellt, schwappt frische, dicke Milch.

Es klopft zaghaft an der Tür und Pawel steckt seinen Kopf herein. Hinter ihm steht Alexander.

Marie Anna: Kommt herein, setzt euch!

Sie frühstücken gemeinsam mit Josef und Boleslaus. Mutter, Vater und Tante sind oben in der Stube.

Nach dem Essen scheucht Marie Anna Pawel und Alexander wieder zurück in die Scheune, damit sie von Niemandem gesehen werden.

Während Marie Anna die Küche aufräumt, sieht sie zwei deutsche Polizisten auf den Hof fahren. Sie streicht sich die Schürze glatt, atmet einmal tief durch und tritt hinaus.

Marie Anna: Guten Morgen die Herren. Was gibt es denn?

Polizisten: Heil Hitler

Eisiges Schweigen. Die Polizisten warten.

Marie Anna: (leise) Heil Hitler.

Polizisten: Sind Sie das Fräulein Warszawski?

Marie Anna nickt.

Polizisten: Sie haben sicher von den beiden feindlichen Soldaten gehört, die vor ein paar Tagen geflohen sind. Uns ist zu Ohren gekommen, dass sie sich hier in der Gegend versteckt halten. Können Sie dazu etwas sagen?

Marie Anna: (schüttelt den Kopf) Nein, ich habe nichts bemerkt. Bei uns sind sie nicht vorbeigekommen.

Josef und Boleslaus kommen aus der Scheune.

Josef: Guten Tag. Ist etwas passiert?

Polizisten: Heil Hitler.

Längere Pause.

Josef und Boleslaus: (murmelnd) Heil Hitler.

Polizisten: Wissen Sie etwas über die entflohenen sowjetischen Soldaten?

Josef und Boleslaus verneinen beide.

Polizisten: Nun gut. Wenn Sie etwas sehen sollten, melden Sie es umgehend.

Die Polizisten steigen in ihr Auto und fahren langsam vom Hof. Die Geschwister sehen ihnen nach.

Josef: Wir haben Pawel und Alexander gesagt, sie sollen sich im Heu verstecken. Am besten bleiben sie dort auch noch eine Weile.

Wenig später fahren mehrere Polizeiautos auf den Hof. Hauschke, der Meister der Schutzpolizei, und Kriminaloberassistent Czylwik steigen aus. Marie Anna tritt wieder vor die Tür. Josef und Boleslaus sind auf dem Feld.

Hauschke: Kollaborateure! Ihr Nachbar sagte uns, dass sich hier auf dem Hof zwei gewisse feindliche Elemente versteckt halten. Sie wissen, was das für Sie heißt, wenn er Recht hat!

Zu den Beamten gewandt: Durchsuchen!

Die Polizeibeamten verteilen sich über den Hof und beginnen, alles zu durchsuchen. Josef und Boleslaus kommen vom nahen Feld herbeigeeilt. Mutter und Tante werden aus dem Haus gescheucht. Nur der kranke Vater darf in seiner Stube liegen bleiben.

Plötzlich dringt Geschrei aus der Scheune. Vier Polizisten zerren Pawel und Alexander auf den Hof und in die Autos.

Hauschke: (zu den Warszawskis gewandt) Na, wer hätte das gedacht. Kollaborateure, wie ich es gesagt habe. Dem Feind helfen, heißt gegen die Deutschen zu arbeiten!

Josef: Wir wussten nicht, dass die beiden dort drin waren. Sie müssen sich hineingeschlichen haben.

Marie Anna: Ich habe die beiden noch nie in meinem Leben gesehen!

Hauschke: (zu seinen Beamten gewandt) Mitnehmen!

Marie Anna sitzt in ihrer Zelle. Ihr ganzer Körper schmerzt. Warum? Warum nur hat sie es zugegeben? Sie hat doch nur die Milchsuppe mit etwas Wasser gestreckt…

1. April 1943:

Ein Brief erreicht den Hof der Warszawskis. Die Mutter und Tante Anna haben sich ans Bett des kranken Vaters gesetzt. Zitternd faltet die Mutter das Papier auseinander. Sie schreit auf und sinkt auf die Laken, unter denen ihr Mann liegt. Die Kinder werden nicht mehr nach Hause zurückkehren.

Förderung

Beitrag gefertigt während des Workshops "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee" am 24.02.2024

Das Projekt ist gefördert von der Stiftung EVZ (Erinnerung Verantwortung Zukunft).

www.stiftung-evz.de

Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Projektleiterinnen die Verantwortung.