Janina Mertyn (DE)
Autorin: Heike Ochs
»Jedes einzelne Leben ist die Welt.«
Arnold Stadler
Janina Mertyn
Geboren am 15. Mai 1921 in Lodz. Hingerichtet am 21. August 1941 in Berlin-Plötzensee.
Projekt "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee"
Dr. Stieve
Hermann Stieve leitete von 1935 bis 1952 als Direktor das Berliner »Anatomische und anatomisch-biologische Institut«. 1946 übergab Stieve der Justizverwaltung der Sowjetischen Besatzungszone eine Liste, die er für seine Forschung angelegt hatte. Die Liste enthält 182 Namen, fast nur Frauen, die in Plötzensee hingerichtet worden waren und deren Leichen er sezierte. Nr. 13 und damit eine der ersten auf dieser Liste ist Janine (eigentlich wohl Janina) Mertyn, die erste Polin und die jüngste auf der Liste.
Um die Leichen so bald wie möglich nach Eintritt des Todes zu erhalten, soll Stieve auf einen Exekutionstermin am frühen Morgen gedrängt haben.
Stieves Forschungsthema war die Anatomie und Funktion der weiblichen Fortpflanzungsorgane. Besonders intensiv forschte er zur Auswirkung von »nervöser Erregung«, die bei den gefangenen Frauen in der Todeszelle oft zum Ausbleiben der Regelblutung führte. Mehrfach findet sich in seinen Aufzeichnungen auch die Erwähnung einer »erregenden Nachricht« kurz vor dem Tod, die sich auf die Organe auswirkte und eine »Schreckblutung« auslöste – ein von Stieve selbst geprägter Begriff für eine psychisch ausgelöste uterine Blutung. Es ist offensichtlich, dass diese »erregende Nachricht« die Mitteilung der bevorstehenden Hinrichtung war.
(nach: Andreas Winkelmann, Sezieren und Sammeln. 300 Jahre Berliner Anatomie 1713 bis heute, Berlin 2018)
Die Gefängnisse
Janina Mertyn wird am 21. August 1941 um 5.05 Uhr im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ermordet. Sie war am 20.8.41 um 18 Uhr nach Plötzensee überführt worden.
Am 14.7. war sie zuvor in das Frauenstrafgefängnis Berlin in der Barnimstraße eingeliefert worden.
Minderjährig. Polin. Eingeliefert am 14.7.41
Wohnung: Boltenhagen; Kreis Belgard,
Bauer Hermann Rohde.
Aus der Akte kommt heraus, dass sie aus Boltenhagen (heute: Bełtno) gekommen war. Bełtno liegt zwischen Koszalin und Szczecin. Bei Kriegsende 1945 waren 34 landwirtschaftliche Betriebe ansässig.
Wahrscheinlich musste Janina Mertyn dort Zwangsarbeit leisten.
Eingeliefert am 20.8.41
Vollstreckungsbehörde: St. A. Stettin
Straftat – Tatverdacht: Brandstift(ung).
Art … der zu vollstreckenden Strafe: Todesstrafe
Austrittstag und Tageszeit: 21.8.41 6 Uhr
Grund des Austritts: Hingerichtet
Der Buchstabe »P«
Die im März 1940 ergangenen Erlasse des Reichsführers SS (Heinrich Himmler) zur Behandlung der polnischen Arbeitskräfte (»Polenerlasse«) setzten diese in diskriminierender Weise außerhalb der für Deutsche geltenden Rechtsordnung. Durch das auf der rechten Brustseite jedes Kleidungsstückes aufzunähende »P«, dessen Gestaltung bis ins Detail dekretiert worden war, sollten die Arbeiter und Arbeiterinnen aus Polen gebrandmarkt und sofort für jeden als rechtlich minderwertige Menschen erkennbar sein.
Der Tat
»Mertyn, eine polnische Landarbeiterin, hat aus Hass und Rache die Scheune ihres Arbeitsgebers angezündet, wodurch wertvolle Vorräte und landwirtschaftliche Maschinen vernichtet wurden.«
»Brandstiftung – Tod, Ehrverlust«
Sondergericht Stettin
Auszüge aus Urteilen verschiedener Sondergerichte und des Volksgerichtshofes gegen poln. Staatsangehörige
Copy of 1.2.2.1 / 11411623, Arolsen Archives
Die Gnade
Nach jedem Todesurteil wird von Amts wegen ein Gnadenverfahren eingeleitet, in dem die Verurteilten und ihre Angehörigen um die Begnadigung zu einer Freiheitsstrafe bitten dürfen. Ein solches Gnadengesuch ging diesem Dokument zufolge am 31.7.1941 ein. Von der Verurteilten? Von einer oder einem Angehörigen? Oder eine rein formale Klausel?
Der Tod
Die Landarbeiterin Janina Mertyn, katholisch, wohnhaft in Boltenhagen, Kreis Belgard,
ist am 21. August 1941 um 5 Uhr 05 Stunden
in Berlin-Charlottenburg, Königsdamm 7, verstorben.
Die Verstorbene war geboren am 15. Mai 1921 in Litzmannstadt
Vater: Johann Wladislaus Mertyn, verstorben, letzter Wohnort nicht bekannt;
Mutter: Sophie Mertyn, geborene Wolesak (?)
Wohnhaft in Litzmannstadt, Buschlingestraße (?) 165
Die Verstorbene war nicht verheiratet.
Eingetragen auf mündliche Anzeige des Wachtmeisters Fritz Kummerfeld, wohnhaft in Berlin, Scharnweberstraße 52a.
Der Anzeigende ist bekannt und erklärte, er sei von dem Tode aus eigener Wissenschaft unterrichtet.
Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben
Fritz Kummerfeld
Der Standesbeamte
in Vertretung
Runge
Todesursache: Tod durch Enthauptung
Łódź
Łódź/ Lodz, ab 9. 11. 1939 Lodsch, ab 11. April 1940 Litzmannstadt, nach Befreiung von der deutschen Besatzung am 19.1.1945 wieder Łódź.
Spekulation:
Eine Buschlingestraße o. ä. ist in Litzmannstadt nicht nachweisbar. Ist womöglich Buschlinie gemeint, heute ulica Jana Kilińskiego, eine 6 km lange, Łódz von Süd bis Nord durchquerende Hauptverkehrsstraße?
Die Umgebung der Nr. 165 gehörte auch vor dem Krieg sicher nicht zu den besseren Wohngegenden.
Eine Anfrage nach einer Geburtsurkunde beim Archiv in Łódz läuft.
Mehr ist nicht bekannt.
Förderung[edytuj | edytuj kod]
Gefördert durch EVZ Beitrag gefertigt vor, während und nach dem Workshop "Frauen im Schatten der Guillotine. Polinnen im Gefängnis Plötzensee" am 20.01.2024
Das Projekt ist gefördert von der Stiftung EVZ (Erinnerung Verantwortung Zukunft).
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Stiftung EVZ dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Projektleiterinnen die Verantwortung.